Streiflichter aus der Greifswalder Chemiegeschichte

Streiflichter aus der Greifswalder Chemiegeschichte

Dr. Rolf Gelius
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Christian Ehrenfried von Weigel
Die erste Greifswalder Professur für Chemie, 1774 von der einflussreichen Medizinischen Fakultät eingerichtet, wurde mit Dr. Christian Ehrenfried Weigel (Abb.) besetzt. Er musste außer der Chemie auch noch die Fächer Pharmazie, Botanik und Mineralogie vertreten. Auf eigene Kosten richtete er sich ein chemisches Laboratorium ein (im ehemaligen "Schwarzen Kloster", auf dem Gelände der heutigen Medizinischen Kliniken in der Friedrich-Loeffler-Strasse) und hielt dort auch gelegentlich chemische Übungen für Mediziner ab. Weigel war der eigentliche Erfinder des Gegenstromkühlers (1771 in Blech-, 1773 in Glasausführung), der später unter dem Namen "Liebig-Kühler" bekannt wurde. 1806 erhielt er den Erbadel.
Lit.: G. Kahlbaum, Der sogenannte Liebig'sche Kühlapparat. In: Ber. dtsch. chem. Ges 29 (1896), S.69-71. Würdigung seiner Leistungen in Chemie, Pharmazie, Botanik und Mineralogie in: Festschrift 500-Jahrfeier Univ. Greifswald, Greifswald 1956, S. 462, 473/74, 483/84 u. 520/21.

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Heinrich Limpricht
Mit der Errichtung eines zweiten Lehrstuhls durch die Philosophische Fakultät im Jahre 1860 erfuhr die Chemie in Greifswald eine entscheidende Aufwertung. Er wurde mit einem profilierten Organiker besetzt, Dr. Heinrich Limpricht (Abb.), Schüler und erster Assistent Friedrich Wöhlers in Göttingen. Dank seiner energischen Bemühungen konnte der längst fällige Bau eines Chemischen Instituts durchgesetzt und die Ausbildung von Fachchemikern, später auch von Pharmazeuten, aufgenommen werden. Bis dahin war die Chemie hier nur eine Hilfswissenschaft der Medizin gewesen.
Lit.: K. Auwers, Heinrich Limpricht. In: Ber. Dtsch. Chem. Ges. 42(1909), S. 5001 – 5036; Gerda Schneider: Heinricht Limpricht und sein Schülerkreis (1827 - 1909). Dissertation (masch.) Univ. Greifswald 1970. R. Gelius, Verlorener Briefwechsel von Heinrich Limpricht wiedergefunden. In: Mitt. Ges. Dtsch. Chemiker, Fachgr. Gesch.Chem. Nr. 10(1994), S. 57 – 60.

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Erstes chemisches Institut der Universität Greifswald

Das neue Institutsgebäude (erstes neuzeitliches Forschungs- und Unterrichtslaboratorium in Preußen, (Abb.)) wurde 1860 – 1862 mit einem Kostenaufwand von 69700 Talern errichtet. Es musste neben dem Chemischen allerdings auch noch das (kleinere) Mineralogische Institut unter Leitung von Prof. Friedrich Ludwig Hünefeld aufnehmen. Besonders verdient machte sich Prof. Limpricht um die völlige Neuorganisation des Chemieunterrichts – bis dahin hatte es an unserer Alma mater keine Chemiestudenten gegeben!

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Farbstoff- und Farbpigmentmuster
Das Institut für Chemie und Biochemie verfügt über eine repräsentative Sammlung von Farb- und Riechstoffen (Abb.) aus den Anfängen der deutschen chemischen Industrie, gespendet von solchen renommierten Firmen wie Farbwerke Meister, Lucius und Brüning (Höchst), Farbenfabriken F. Bayer & Co. (Elberfeld), Vereinigte Ultramarinfabriken AG, vorm. Leverkus, Zellner & Cons., Schimmel & Co (Leipzig) u.a. Zur Chemikaliensammlung gehört auch eine Probe Ultramarin, von Friedrich Wöhler selbst hergestellt und signiert (wahrscheinlich ein Geschenk an H. Limpricht).

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Neues chemisches Institut der Universität Greifswald

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war das alte chemische Institut zu klein geworden. Den wiederholten Forderungen Prof. Limprichts nach einem Neubau (Abb.) konnte erst sein Amtsnachfolger, Prof. Karl Auwers (Greifswald 1900 - 1913), ein Schüler August Wilhelms von Hoffmann in Berlin, Gehör verschaffen. Es wurde in den Jahren 1904 - 1907 mit einem Kostenaufwand von 540.000 RM errichtet und galt lange Zeit als eine der modernsten Pflegestätten der Chemie in Deutschland.

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Jakob Meisenheimer
Direktoren des Chemischen Instituts nach Prof. Auwers waren bis 1945 die Professoren Otto Dimroth, Jakob Meisenheimer (Abb.), Rudolf Pummerer, Burckhardt Helferich, Walter Hückel und Gerhart Jander. Abgesehen von Prof. Limpricht weilten die meisten Direktoren bis zur ihrer Umberufung an größere Universitäten nur kurze Zeit (im Durchschnitt 7 Jahre) in Greifswald. Trotz dieser Fluktuation und der Mittelknappheit in der Nachkriegszeit konnten sie während ihrer Amtsdauer beachtliche Forschungsergebnisse erzielen.

Seit 1900 war das Chemische Institut in vier Abteilungen untergliedert, in eine anorganisch-, organisch-, physikalisch-chemische und eine pharmazeutisch-chemische Abteilung. Letztere wurde 1947 als Pharmazeutisch-chemisches Institut selbstständig. Von den Abteilungsvorständen erlangten größere Bekanntheit die Professoren Walter A. Roth, Karl Fredenhagen (Ehrentafel am Institutsgebäude Soldtmannstr. 16), Robert Fricke, Wolfgang Langenbeck und Arthur Lüttringhaus.

Lit. W. Merz, Jakob Meisenheimer. In: Ber. Dtsch. Chem. Ges.. 68(1935), S. 32A – 33A; R. Gelius, Mathematisch-naturwissenschaftliche Schulen an der Universität Greifswald. In:Wiss. Z. EMAU Greifswald, Math.-naturwiss. R. 31(1962)1, S. 61 – 69.

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Gerhart Jander
Prof. Gerhart Jander (1892 – 1961) (Abb.) war als erster Anorganiker von 1936 bis 1951 Direktor des Chemischen Instituts. Er führte in Greifswald mit seinen Mitarbeitern grundlegende Arbeiten über die Chemie in nichtwässrigen Lösungsmitteln (z. B. flüss. Schwefeldioxid und Cyanwasserstoff, wasserfreie Salpetersäure, Essigsäureanhydrid, geschmolzenes Jod und Quecksilberbromid) durch, die zu einer Erweiterung der Säure-Basen-Theorie auf Nichtelektrolyte führte. Zusammen mit Hans Spandau, Karl H. Jahr und Hildegard Wendt ist er auch als Autor erfolgreicher Lehr- und Praktikumsbücher bekannt geworden.
Lit.: H. Spandau, Zum Gedenken an Gerhart Jander. In: Z. anorg. allg. Chem. 319(1962/63), S.114 bis 119; K. Beneke, Die Kolloidwissenschaftler Peter Adolf Thiessen, Gerhart Jander, Robert Havemann, Hans Witzmann und ihre Zeit. (Beiträge zur Geschichte der Kolloidwissenschaften, IX), Nehmten 2000.

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Hans Beyer
1951 wurde das Chemische Institut in drei selbständige Fachinstitute für Anorganische, Organische und Physikalische Chemie aufgeteilt. Erster Direktor des Instituts für Organische Chemie wurde Prof. Hans Beyer (1905 – 1971) (Abb.), der mit seinen Mitarbeitern in Greifswald die Heterocyclenchemie zu internationalem Ansehen brachte. Sein bekanntes "Lehrbuch der Organischen Chemie" (23. Auflage 1998, bearbeitet von H. Walter) vermittelte vielen Chemikergenerationen die Grundlagen dieses Fachgebiets.
Lit.: E. Bulka, In memoriam. Hans Beyer. In: Mitteilungsbl. Chem. Ges. DDR 18(1971), S. 81 bis 83.

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Neubau des Instituts für Organische Chemie

Der Initiative Prof. Beyers ist es zu verdanken, dass das Institut für Organische Chemie einen Neubau erhielt. Er wurde in zwei Baustufen 1953 – 1955 mit einem Mittelaufwand von knapp 1,5 Mill. M (DDR) errichtet. Nachdem auch das Institut für Physikalische Chemie 1959 eigene Gebäude in der Soldtmannstr. 23/25 beziehen konnte, verfügte die Fachrichtung Chemie über einen Ausstattungsfundus, der sie befähigte, jährlich etwa 60 Chemiestudenten sowie eine große Zahl von Nebenfächlern auszubilden.

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Siegel der Universität Greifswald von 1456
Im Jahre 1968 trat die sog. "3. Hochschulreform der DDR" in ihre Schlussphase. Sie brachte die Durchsetzung der "Sozialistischen Demokratie" auch an der Universität Greifswald, verbunden mit einem rigorosen Eingriff in die akademische Selbstverwaltung unserer 500jährigen Alma mater (Abb.). Auswirkung für die Greifswalder Chemiker, die nun in einer Sektion Chemie zusammengefaßt wurden:
  • Hektische Umgestaltung des gesamten Lehrbetriebes mit dem Ziel eines praxisorientierten "wissenschaftlich-produktiven Studiums", in der Diplomchemiker-Ausbildung zunächst mit vierjähriger, dann wieder mit fünfjähriger Studiendauer. Die Studenten sollten frühzeitig (in "Jugendobjekten" und Studentenzirkeln) in die Forschungstätigkeit einbezogen werden.
  • Viel Unruhe durch Neuprofilierung der Sektionsforschung, ausgerichtet auf einen Hauptkooperationspartner der chemischen Industrie (VEB Petrolchemisches Kombinat Schwedt). Die Bearbeitung der bisherigen, international ausgewiesenen Forschungsgebiete "Organometallkomplexe", "Heterocyclenchemie" und "Energiesparende Leuchtstoffe" (Profs. G. Bähr, S. Herzog, H. Beyer, H. Witzmann) wurde eingestellt oder stark eingeschränkt.

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Praktikum am KRH 100 R

Mitte der 70er Jahre waren die Turbulenzen der "Wilden Achtundsechziger" abgeklungen. Als die Sektion Chemie im Dezember 1978 auf ihr zehnjähriges Bestehen zurückblickte, konnte sie auf der Habenseite verbuchen :
  • Modernisierung der Lehrinhalte (erhöhter Anteil an mathematischen, physikalisch-chemischen und technisch-chemischen Lehrveranstaltungen; Einrichtung eines chemisch-technischen Praktikums). Das Engagement von Studenten niederer Semester in der Forschung hatte sich erhöht.
  • Aufstockung des Geräteparks, so daß in den wichtigsten Bereichen der instrumentellen Analytik (UV-Vis-, IR-, NMR-, ESR-Spektrometrie, Röntgendiffraktometrie und Gaschromatographie) Anschluß an internationales Ausstattungsniveau erreicht wurde. (Abb.).
Die anwendungsorientierte Grundlagenforschung war auf zwei Themenkomplexe konzentriert: "Homogene Katalyse", zurückgehend auf die Kooperation mit dem PCK Schwedt (Reaktionskinetik, Katalyseforschung: Profs. D. Haberland, K. Madeja, R. Taube, K. Gehrke), und "Festkörperchemie" (Energiesparende Leuchtstoffe, Hochtemperatur-Festelektrolyte: Prof. G. Herzog, Doz. H.-H. Möbius). Untersuchungen auf dem Arbeitsgebiet "Heterocyclenchemie" konnten in geringerem Umfang von Schülern Prof. Beyers (Profs. E. Bulka, C.-F. Kröger) weitergeführt werden.

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125 Jahre Chemiker-Ausbildung in Greifswald

Im Jahre 1987 beging die Sektion Chemie das Jubiläum "125 Jahre Chemikerausbildung in Greifswald" (Abb.), die 1862 unter Prof. Heinrich Limpricht begonnen hatte. Seit Wiederaufnahme des Lehrbetriebes im Februar 1946 waren hier weit über 1000 Diplomchemiker sowie annäherd 1000 Haupt- und Nebenfachlehrer für Chemie ausgebildet worden. Die kurze Studienzeit bis zum Diplomexamen Chemie (überwiegend nur 10 Semester) sehen wir als Ergebnis intensiver Betreuertätigkeit und eines engen Vertrauensverhältnisses zwischen Lehrkörper und den Studenten.

Einige Forschungsergebnisse aus den langfristig bearbeiteten Themenkomplexen "Festkörperchemie" (Röntgenleuchtstoffe, Festelektrolyt-Gassensoren) wurden in industrielle Produktion überführt.

Lit.: R. Gelius, 125 Jahre Chemikerausbildung in Greifswald. Univ. Greifswald 1988; G. Herzog, D. Starick, A.M. Gurvich et al., Luminescence properties of oxyhalide phosphors. In: Physica status solidi A 130 (1992)2, S. K 107 - K 114; H.-H. Möbius, Solid state electrochemical potentiometric sensors for gas analysis. In "Sensors. A Comprehensive Survey" (ed. by W. Göpel, J. Hesse and J. N. Zemel), Vol. 3, Part 2, Weinheim 1992, p. 1106 - 1154.

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Ehrenpromotion von Prof. Dr. Dr. h.c.mult. Dieter Behrens

Nach der Wende wurde die Möglichkeit genutzt, Fehlentwicklungen der DDR-Zeit (Leitungsstruktur, staatliche Reglementierung der Forschungstätigkeit) abzubauen. Die akademische Gleichberechtigung der Professoren wurde wiederhergestellt. Erstmalig seit 1945 war es auch möglich, einen verdienten ehemaligen Greifswalder Chemieabsolventen aus dem Westen unseres Vaterlandes mit einer Ehrenpromotion (Abb.) zu würdigen.

Einige frühere Hochschullehrer und Mitarbeiter der Universität Greifswald haben im Territorium Technologiefirmen gegründet oder sind in ihnen als Berater tätig, um ihre Forschungsergebnisse industriell zu vermarkten. Auf den Gebieten Hochtemperatur-Festelektrolyte, Spezialleuchtstoffe und Feinchemikalien betrifft das die "Zirox. Sensoren & Elektronik GmbH", "Litec/Raylux" (Spezialleuchtstoffe) und "Synaptec" (Selektive Trennung von Stoffgemischen).

Seit dem Wintersemester 1997 bildet das jetzige Institut für Chemie und Biochemie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald im Fachstudium ausschließlich Diplom-Biochemiker aus. Der Lehrbetrieb in der Lehramts- und Nebenfach-Ausbildung wird natürlich auf hohem Niveau weitergeführt. Über Personalstruktur, Lehrangebot und Forschungsprofil des Instituts informiert seine Homepage.

Lit.: "Ehrenpromotion Dieter Behrens. Der Bildungswert der Naturwissenschaften". Greifswalder Universitätsreden, N.F. Nr. 65 (1992).